Konflikte in der Ausbildung klären
Konflikte in der Ausbildung kommen vor. Wie du typische Situationen einordnest, passende Ansprechpartner findest und schwierige Gespräche sauber vorbereitest.
Noel Lang
Gründer & Fachinformatiker
Der Start in die duale Ausbildung bedeutet für dich den Einstieg in eine neue Welt: Du lernst nicht nur fachliche Inhalte, sondern arbeitest auch zum ersten Mal in einem professionellen Team. Dabei können Missverständnisse oder Konflikte entstehen. Entscheidend ist, dass du sie früh einordnest und nicht wartest, bis sie deine Ausbildung dauerhaft belasten.
Konflikte entstehen oft durch unterschiedliche Erwartungen oder Kommunikationsprobleme. Vielleicht fühlst du dich überfordert mit einer Aufgabe, oder dein Ausbilder ist unzufrieden mit deiner Arbeitsweise. Möglicherweise gibt es auch Spannungen mit Kollegen oder Probleme in der Berufsschule.
Viele Konflikte lassen sich klären, wenn sie früh erkannt und sachlich angesprochen werden. Manche Situationen brauchen aber sofort Unterstützung, etwa bei Mobbing, Bedrohung, sexueller Belästigung, Diskriminierung, wiederholten Arbeitsschutzproblemen oder systematisch ausbildungsfremden Tätigkeiten. Bei Diskriminierung oder Belästigung können zusätzlich Schutzpflichten aus dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz relevant sein. In dieser Übersicht erfährst du, welche typischen Konfliktsituationen es gibt, wer dich dabei unterstützen kann und wie du schwierige Gespräche vorbereitest.
Die häufigsten Gründe für Konflikte in der Ausbildung sind:
- Kommunikationsprobleme zwischen Azubi und Ausbilder
- Unklarheit über Aufgaben und Erwartungen
- Über- oder Unterforderung im Betrieb
- Probleme mit Arbeitszeiten oder Überstunden
- Schwierigkeiten in der Berufsschule
In den folgenden Abschnitten findest du einen pragmatischen Weg: Problem konkretisieren, Gespräch vorbereiten, Unterstützung einbinden und bei Bedarf sauber eskalieren.
Typische Konfliktsituationen in der Ausbildung
In der IT-Ausbildung können verschiedene Konfliktsituationen auftreten, die den Ausbildungserfolg gefährden können. Häufig entstehen Spannungen durch unterschiedliche Erwartungen zwischen dir und deinem Ausbilder. Wenn du zum Beispiel hauptsächlich einfache Routineaufgaben erhältst, während du dir komplexere Projekte zutraust, kann das zu Frust führen. Umgekehrt fühlen sich manche Azubis von anspruchsvollen Aufgaben überfordert, trauen sich aber nicht, dies anzusprechen.
Ein weiterer klassischer Konfliktpunkt sind die Arbeitszeiten. Gerade in der IT-Branche können durch Projektdruck oder Systemausfälle kurzfristig längere Tage entstehen. Hier ist wichtig: Ausbildung ist kein normales Arbeitsverhältnis mit beliebiger Einsatzplanung. Bei Jugendlichen unter 18 Jahren setzt das Jugendarbeitsschutzgesetz klare Grenzen von grundsätzlich höchstens acht Stunden täglich und 40 Stunden wöchentlich. Bei Volljährigen gilt das Arbeitszeitgesetz; außerdem musst du Berufsschule, Ausbildungszweck, Ausbildungsvertrag und mögliche Tarif- oder Betriebsregeln zusammen betrachten.
Folgende Konfliktsituationen treten besonders häufig auf:
| Konfliktbereich | Beispiele | Mögliche Ursachen |
|---|---|---|
| Kommunikation | Unklare Arbeitsanweisungen, fehlendes Feedback | Unterschiedliche Kommunikationsstile, Zeitmangel |
| Arbeitsaufgaben | Zu viele Routinearbeiten, Überforderung bei Projekten | Fehlende Absprachen, unrealistische Erwartungen |
| Arbeitszeiten | Kurzfristige Überstunden, Probleme mit Berufsschulzeiten | Mangelnde Planung, Unwissen über rechtliche Regelungen |
| Teamkonflikte | Spannungen mit Kollegen, Konkurrenz unter Azubis | Unterschiedliche Arbeitsweisen, persönliche Differenzen |
Besonders belastend kann es sein, wenn du dich von deinem Ausbilder nicht ernst genommen fühlst. Dies zeigt sich oft in mangelndem Feedback zu deiner Arbeit oder wenn deine Verbesserungsvorschläge ohne Begründung abgelehnt werden. Auch wenn du häufig berufsfremde Tätigkeiten ausführen sollst, kann das zu Unmut führen. Nach § 14 BBiG dürfen Auszubildenden nur Aufgaben übertragen werden, die dem Ausbildungszweck dienen und ihren körperlichen Kräften angemessen sind.
Ein typisches Beispiel: Du sollst hauptsächlich Ablage- und Kopierarbeiten erledigen, während die eigentlichen Ausbildungsinhalte wie Projektarbeit oder Kundenkontakt zu kurz kommen. In solchen Fällen ist es sinnvoll, konkrete Beispiele zu sammeln und mit deinem Ausbilder zu klären, wie die Ausbildungsinhalte besser vermittelt werden können. Wenn sich daran nichts ändert, ist die IHK-Ausbildungsberatung die passende nächste Stelle.
Auch der Umgangston kann zum Problem werden. In der IT-Branche herrscht oft ein lockerer Kommunikationsstil, trotzdem sollten grundlegende Regeln von Höflichkeit und Respekt eingehalten werden. Wenn du dich durch Bemerkungen oder Verhaltensweisen unwohl fühlst, sprich es möglichst zeitnah und in einem ruhigen Moment an. Bei schweren Grenzverletzungen solltest du nicht erst ein Vier-Augen-Gespräch erzwingen; hole dir direkt Unterstützung durch Ausbildungsleitung, JAV, Betriebsrat, IHK, Vertrauenslehrkraft oder eine andere geeignete Stelle.
Je früher du handelst, desto größer ist die Chance, dass der Konflikt nicht eskaliert. Im nächsten Abschnitt erfährst du, welche Ansprechpartner dir dabei zur Seite stehen.
Die richtigen Ansprechpartner bei Problemen
Bei Konflikten in der Ausbildung stehen dir verschiedene Ansprechpartner zur Seite. Bei normalen Missverständnissen oder unklaren Erwartungen ist das direkte Gespräch mit deinem Ausbilder oft der erste sinnvolle Schritt. Wenn das nicht möglich ist, ein Machtgefälle die Situation belastet oder es um schwere Vorfälle geht, kannst du direkt eine weitere Stelle einbeziehen.
Die Ausbildungsberater der IHK oder Handwerkskammer sind wichtige externe Ansprechpartner, wenn es um Ausbildungsqualität, Ausbildungsplan, Berufsschule, Prüfungszulassung oder Probleme im Betrieb geht. Sie können die Situation einordnen und oft zwischen dir und deinem Ausbildungsbetrieb vermitteln. Besonders hilfreich ist ihre Erfahrung bei Fragen zur Ausbildungsqualität oder wenn du unsicher bist, ob deine Ausbildung den vorgeschriebenen Standards entspricht.
In größeren Unternehmen findest du folgende interne Ansprechpartner:
| Ansprechpartner | Zuständigkeit | Wann du sie kontaktierst |
|---|---|---|
| Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) | Vertritt die Interessen der Azubis | Bei alltäglichen Problemen, Fragen zur Ausbildung |
| Betriebsrat | Vertritt alle Mitarbeiter | Bei arbeitsrechtlichen Fragen, Konflikten mit Vorgesetzten |
| Ausbildungsleitung | Verantwortlich für alle Azubis | Bei strukturellen Problemen in der Ausbildung |
Eine besondere Unterstützung bietet der Senior Experten Service (SES) mit VerAplus. Dabei begleiten erfahrene Ehrenamtliche Auszubildende im Tandem-Modell. Die Begleitung ist für Auszubildende, Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen kostenlos und kann bei Stress in Schule, Betrieb oder vor Prüfungen helfen. Diese Begleitung ist besonders wertvoll, wenn du eine neutrale Person brauchst, die regelmäßig mit dir auf die Situation schaut.
Wenn sich ein Konflikt trotz aller Bemühungen nicht lösen lässt, kann bei Streitigkeiten aus einem bestehenden Berufsausbildungsverhältnis ein Schlichtungsausschuss der zuständigen Stelle relevant werden. Nach § 111 ArbGG können solche Ausschüsse gebildet werden; gibt es einen zuständigen Ausschuss, muss der Klage beim Arbeitsgericht in diesen Fällen die Verhandlung vor dem Ausschuss vorausgehen. Geht es dagegen um Streitigkeiten nach einem unstreitig beendeten Ausbildungsverhältnis oder um andere Anspruchsarten, kann die Zuständigkeit anders liegen. Kläre das im Zweifel mit der Kammer oder mit Rechtsberatung.
Die wichtigsten externen Anlaufstellen sind:
- Ausbildungsberater der IHK/HWK (bei allen Fragen zur Ausbildung)
- VerAplus des SES (für individuelle Begleitung)
- Schlichtungsausschuss (bei Streitigkeiten aus einem bestehenden Berufsausbildungsverhältnis)
- Lehrkräfte der Berufsschule (bei schulischen Problemen)
Frage bei jeder Stelle kurz, wie vertraulich dein Anliegen behandelt wird und ob jemand mit deinem Betrieb spricht. Bei IHK, HWK, Berufsschule oder VerAplus kannst du normalerweise erst einmal schildern, was los ist, bevor der nächste Schritt festgelegt wird. Je früher du dir Unterstützung holst, desto größer sind die Chancen, den Konflikt zu lösen, bevor er deine Ausbildung ernsthaft gefährdet.
Strategien zur Konfliktlösung
Ein konstruktiver Umgang mit Konflikten beginnt mit der richtigen Vorbereitung. Bevor du ein klärendes Gespräch suchst, solltest du dir über deine eigenen Ziele und Erwartungen klar werden. Sammle konkrete Beispiele für die Situation, die dich belastet, und überlege dir auch, welche Lösungsvorschläge du einbringen könntest.
Vorbereitung eines Konfliktgesprächs
Eine gute Gesprächsvorbereitung umfasst diese wesentlichen Punkte:
| Vorbereitungsschritt | Konkrete Umsetzung | Beispiel |
|---|---|---|
| Situation analysieren | Fakten sammeln, Beispiele notieren | ”In den letzten drei Wochen hatte ich fünfmal ungeplante Überstunden” |
| Gefühle reflektieren | Eigene Emotionen verstehen | ”Ich fühle mich überfordert und nicht ernst genommen” |
| Lösungsvorschläge entwickeln | Realistische Alternativen überlegen | ”Können wir Überstunden eine Woche im Voraus ankündigen?” |
Das Gespräch führen
Wähle für das Gespräch einen ruhigen Zeitpunkt und einen neutralen Ort. Bitte deinen Ausbilder um ein Vier-Augen-Gespräch und plane dafür ausreichend Zeit ein. Beginne das Gespräch mit einer sachlichen Schilderung der Situation aus deiner Sicht. Verwende dabei “Ich-Botschaften” statt Vorwürfe zu machen. Sage zum Beispiel: “Ich fühle mich unsicher, wenn ich keine Rückmeldung zu meiner Arbeit bekomme” statt “Sie geben mir nie Feedback”.
Konstruktive Gesprächsführung
Ein gutes Konfliktgespräch basiert auf diesen Grundsätzen:
- Beschreibe die Situation konkret und sachlich
- Höre aktiv zu und lasse dein Gegenüber ausreden
- Frage nach, wenn du etwas nicht verstehst
- Bleibe respektvoll, auch wenn du anderer Meinung bist
- Konzentriere dich auf Lösungen, nicht auf Schuldzuweisungen
Nachbereitung und Vereinbarungen
Am Ende des Gesprächs sollten konkrete Vereinbarungen stehen. Fasse die besprochenen Punkte zusammen und dokumentiere sie schriftlich. Ein Beispiel könnte sein: “Wir haben vereinbart, dass ich jeden Freitag ein kurzes Feedback-Gespräch zu meinen Aufgaben bekomme und Überstunden mindestens drei Tage vorher angekündigt werden.”
Professionelle Unterstützung einbinden
Wenn sich im direkten Gespräch keine Lösung abzeichnet, solltest du professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen. Die Ausbildungsberatung der Kammern kann zum Beispiel ein moderiertes Gespräch anstoßen oder dir helfen, die nächsten Schritte einzuordnen. Wenn es bereits um Abmahnung, Kündigung, Schlichtung oder erhebliche Pflichtverletzungen geht, hole dir zusätzlich rechtliche Beratung, Gewerkschaft, Betriebsrat/JAV oder eine passende Beratungsstelle dazu.
Prävention für die Zukunft
Aus jedem gelösten Konflikt kannst du für die Zukunft lernen. Überlege dir nach dem Gespräch:
- Was ist gut gelaufen?
- Was hätte ich anders machen können?
- Welche Strategien haben mir geholfen?
- Wie kann ich ähnliche Situationen künftig vermeiden?
Eine regelmäßige, offene Kommunikation mit deinem Ausbilder kann helfen, Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen. Vereinbare zum Beispiel regelmäßige kurze Feedbackgespräche, in denen ihr euch über den Stand der Ausbildung austauscht.
Ein professionell gelöster Konflikt kann deine Ausbildung stabilisieren und dir wichtige Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Problemlösung und Durchsetzungsvermögen vermitteln. Wenn der Konflikt aber zeigt, dass die Ausbildung im Betrieb dauerhaft nicht tragfähig ist, prüfe mit der IHK-Ausbildungsberatung auch Alternativen wie einen strukturierten Betriebswechsel.
Nächster Schritt
Wenn du gerade in einem Konflikt steckst, schreibe zuerst konkrete Fakten auf: Datum, Situation, beteiligte Personen, Auswirkungen auf Ausbildung, Berufsschule oder Gesundheit und was du bereits versucht hast. Danach entscheidest du, ob ein direktes Gespräch reicht oder ob du Unterstützung brauchst. Passende Vertiefungen findest du in Ausbildungsbetrieb wechseln, Rechte und Pflichten in der Ausbildung, Krankmeldung in der Ausbildung und Berufsschule in der IT-Ausbildung.
Offizielle Quellen
- BBiG § 14: Pflichten der Ausbildenden
- JArbSchG § 8: Dauer der Arbeitszeit
- ArbZG § 3: Arbeitszeit der Arbeitnehmer
- AGG § 1: Ziel des Gesetzes
- AGG § 12: Maßnahmen und Pflichten des Arbeitgebers
- ArbGG § 111: Ausschuss bei Streitigkeiten aus dem Ausbildungsverhältnis
- IHK zu Essen: Schlichtungsausschuss nach § 111 Abs. 2 ArbGG
- VerAplus: Mentoring für Auszubildende

Noel Lang
Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung, baut Lernplattformen für IT-Azubis und schreibt hier über alles rund um den IT-Berufseinstieg.
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